Dorothea Duhme

Hebammenpraxis Soest

„Diese Geburt zu erleben, hat etwas tief in mir verändert“

Die Entbindung meines ersten Kindes war ein hausgemachtes Desaster: zu früh in die Klinik, Geburtstillstand, Wehentropf und PDA, pathologisches CTG, Kaiserschnitt. In einem Satz eine Geburt, wie man sie kennt, wie man sie mit dem Satz beschließt: „Es war wohl das Beste für das Kind. Das Sicherste.“ Ich werde nie vergessen, wie ich die Hebamme nach der Sectio fragte, was mein Kind denn nun habe, weshalb man es hätte holen müssen. Sie schaute mich nur an und antwortete, daß alles ok sei. Blutwerte top. Vorbildliche Sauerstoffversorgung. Meine Tochter brauche wohl „den großen Auftritt“ und das werde „später im Leben öfter so sein“. Dieser Satz erschien mir schon damals, vielleicht eine halbe Stunde nach der Entbindung, unglaublich anmaßend und respektlos. Mir, aber vorallem meinem Kind gegenüber.

Als ich mit meinem zweiten Kind schwanger wurde war mir eines sofort klar: nicht noch einmal so entbinden. Ich glaubte nicht an den Sinn unseres Kaiserschnitts, ich zweifelte immer mehr an der Macht der klinischen Geburtshilfe und wollte mich ihrem Einfluß so gut wie möglich entziehen. Zu den Vorsorgeuntersuchungen ging ich ins Geburtshaus. Mein Baby war stets gesund, genau wie ich und wir fühlten uns sicher und gut aufgehoben. Nach mehreren Gesprächen  stellte sich heraus, daß das Geburtshaus in meinem Fall, unabhängig von der Kindslage, denn die schien eine Schädellage zu sein, eine Hausgeburt ablehnte. Man gab mir aber die Nummer einer Haugeburtshebamme mit, die ihnen bekannt war und die ich anrufen konnte.

Es ist merkwürdig, denn damals hatte ich das Gefühl alleingelassen zu sein, ich sah meine Hausgeburt das erste Mal in Gefahr . Was war, wenn ich die Hebamme nicht mochte? Wenn sie mich nicht mochte? Wenn sie keine Zeit hatte? Tatsächlich jedoch war das der Beginn meiner persönlichen Glückssträhne. Ohne all die Menschen, denen ich begegnet bin, die ein grundlegend natürliches Verhältnis zur Beckenendlage haben und mich stets ermutigten sie anzunehmen und für meine Spontangeburt zu kämpfen, hätte ich es wohlmöglich nicht gewagt. Dorothea nahm unter diesen Menschen zweifelsohne den wichtigsten Platz ein. Sie in genau diesem Moment in mein Leben zu lassen war das Beste, das mir hat passieren können.

Es dauerte nicht lange, bis Dorothea die Beckenendlage ertastete. Ich war mittlerweile in der 32. oder 33. Schwangerschaftswoche. Emilian lag in der I. vollendeten Beckenendlage, das heißt er hatte den Po im Becken und die Beinchen wie ein Klappmesser nach oben neben seinen Kopf gestreckt. Es war etwas schwer ihn richtig zu ertasten, da er seine Füßchen kaum bewegte, da er als Baby sich kaum bewegte, und da die Heztöne keine klare Aussage über die Lage des Kindes gaben. Sie schickte mich also zur Ultraschallkontrolle ins Geburtshaus, wo ich wenige Wochen später ein eindeutiges Ergebnis bekam: Beckenendlage. Meine Welt brach zusammen und obwohl mich die Geburtshaushebamme furchtbar lieb ermutigte, mir Kliniken nannte, in denen ich mich vorstellen konnte, war ich untröstlich. Für mich hieß eine Beckenendlage das, was es für die meisten Frauen hieß: Krankenhaus und letzten Endes Kaiserschnitt. Das Abgeben meiner Selbstbestimmtheit an der Pforte.

Nach Rücksprache mit Dorothea fuhr ich zu einer ihr bekannten Ärztin und Hebamme, die die sanfte äußere Wendung ohne Druck und Wehenhemmer praktizierte. Sie war eine Offenbarung! Nicht, daß sie meinen Kleinen hätte wenden können, nein, der ging kurz in die Querlage mit und setzte sich dann stur wieder hin, es war mehr ihre Art mit der „Problematik“ umzugehen, mit meinem Kind umzugehen. Sie hatte ein unglaubliches Gespür, sie sprach mit ihm, sie kommunizierte, eigentlich um festzustellen, daß er es nicht wagte. Er könne, wenn er wolle, so sagte sie. Er sitzt abschiebbar im Becken, hat reichlich Platz und Fruchtwasser, eine lange Nabelschnur und dennoch, er wollte eben nicht. Irgendwie klang das aber nicht schlimm bei ihr. Es klang wie eine wertneutrale Aussage: „Ihr Sohn sitzt lieber. Er ist ein sehr zurückhaltendes Baby aber das ist ok so. Sie können es annehmen, wie es ist.“ Natürlich konnte ich es nicht annehmen, wie es war. Ich haderte, zweifelte, schimpfte, auf ihn, auf meinen Körper, auf Gott und die Welt, ich weinte. Dennoch blieb ein Stück ihrer Ruhe und Gelassenheit in mir zurück und Dorothea  verstand es sehr gut dieses Vertrauen in meinen Sohn zu kultivieren. „Ich weiß gar nicht, was die alle immer haben“ sagte sie regelmäßig, „die Beckenendlage ist eine Längslage und somit eine Geburtslage“.

Aufgrund der Tatsache, daß ich als Kaiserschnittmama als Erstgebärende galt, mochte Dorothea die Beckenendlage nicht alleine zuhause entbinden. Auf ihre Empfehlung meldete ich mich im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke zum Geburtsplanungsgespräch an. Nach kurzer Untersuchung stellte eine wirklich offene und nette Oberärztin fest, daß eine äußere Wendung ungünstig, eine Spontangeburt jedoch auf jeden Fall angestrebt werden sollte. Dorthea sagte mir ihre Begleitung während der Geburt zu, was mich sehr glücklich machte. Zwar war sie nicht diensthabende Hebamme in der Klinik, ich wußte aber, daß sie im Notfall für uns sprechen würde. Sie wußte, was ich mir wünschte. Mit ihr fühlte ich mich sicher.

Am Sonntag den 23. September bin ich früh morgens - mal wieder - mit Wehen wach geworden. Aber irgendwie war es diesmal anders, sie waren zwar noch gut zu veratmen, sie waren aber auch regelmäßig! Alle 7-10 Minuten hatte ich leichte Wehen. Dorothea untersuchte mich und stellte fest, daß die Fruchtblase noch stand, der Muttermund jedoch durchlässig war. Sie fuhr wieder und riet mir, mich mittags hinzulegen und auszuruhen in der Hoffnung, daß mit der Erholung die Kraft kommt und die Geburt losgeht.

Nach dem Mittagsschlaf stand ich auf und spürte NICHTS mehr. Ich war nach wochenlangen Vor- und Übungswehen furchtbar frustriert. Also kochten wir Essen, gingen eine große Runde im Wald spazieren und im Anschluß machte ich Wäsche und ging ins Bett. Gegen halb zwölf quälte ich mich aus besagtem Bett wieder hoch, ich hatte alle drei Minuten Wehen! Mein nervöser Mann bestand gleich darauf, Dorothea anzurufen. Ich hätte wohl noch gewartet. Heute bin ich froh, daß sie gleich kam. Als sie gegen 1 nachts hier eintraf, mußte ich stark vertönen und es war klar, daß das Geburt war. Dorothea  wurde plötzlich ganz schnell....sie zog mir Schuhe und eine Leggins an....wir mußten noch 45 Minuten in die Klinik fahren. Wir beschlossen, daß ich bei ihr mitfahre, mein Mann und unsere kleine Tochter fuhren hinterher. Im Auto stellte sie mir merkwürdige Fragen, ich wußte sie tat das, um zu sehen, ob ich ablenkbar war. Meine größte Angst war ein Wehenstop oder gar Geburtsstillstand. Ich wußte, warum sie das tat und war mehr als beruhigt festzustellen, daß ich nicht mal mehr antworten konnte! Dorothea versicherte mir, daß dieses Mal alles gut sein würde. „Du hast ganz regelmäßige Wehen, Vicci. Dieses Mal passiert Dir das nicht.“, sagte sie.

Als wir an der Klinik ankamen war Dorothea gleich klar, daß ich wohl kaum noch laufen konnte. So fuhr sie mich mit einem Rollstuhl in den Kreißsaal. Sie hatte ein unglaubliches Gespür dafür, was ich brauchte.

Kaum hatte die Ärztin im Kreißsaal die Tür hinter sich geschlossen, schoß ich mit 1 - Minuten-Abständen in die Übergangsphase. Ich spürte den Druck nach unten. Ich sah in Dorotheas Gesicht, die neben mir am Kreißbett saß und sah in ein Gesicht voller Freude, voller Zuversicht, voller Genuß. "Das ist die Übrgangsphase. Das ist jetzt ein wenig unangenehm für Dich aber bald ist er da."

Ich werde ihr Gesicht nie im Leben vergessen. Sie war so bei mir, sie freute sich so für mich und hatte so Spaß an uns, ich hätte nie gedacht, daß man eine solche Verbindung zu einer Hebamme haben könnte!

Irgendwann kam die Ärztin . "Voll eröffnet" hörte ich sie sagen und konnte es kaum fassen. Wie konnte das sein? Das letzte Mal hatte ich 12 Stunden für 7 Zentimeter gebraucht, hatte mich mit Geburtsstillstand und verhärtetem Muttermund rumgequält und jetzt einfach voll eröffnet??? Von Beginn an alle 3 Minuten Wehen und 4 Stunden später einfach so voll eröffnet?

Nun wurde man hektisch. 1) Mußte die Beckenendlage im 4-Füßler kommen und 2) mußte die Oberärztin (oder Chefärztin???) dabei sein. Als ich ohne Pause Preßwehen bekam und im 4-Füßler spürte, wie mein Baby tiefer rutschte, spritzte man mir Wehenhemmer. Die Preßwehen wurden schwacher, ich spürte jedoch seinen Steiß ganz ganz tief! Wie wunderbar! Mein Kind steckte ganz dicht am Ausgang! Ich gebar!!!! Ich schaffte, was keiner glaubte. Einfach so, als sei es das Natürlichste der Welt!

Als die Ärztin endlich eintraf legte man einen Wehentropf. Und ja, plötzlich wuschelte man hinter mir, mein Mann schoß rein und Dorothea rief:" Vicci, er will da raus, er kommt da wirklich raus, Du hast es geschafft!" Ich gebar! Ich konnte es tatsächlich!

Und Tatsache, mit der nächsten Wehe (und einem schmerzhaften Dammschnitt) spürte ich, wie seine Beine rausploppten. Ich war fassungslos....es war geschafft....und vorbei. Mein Mann sagte immer wieder:"Du hast es geschafft“ Das kam aber kaum an. Ich war wie in Trance.

Man legte meinen Sohn zu mir und augenblicklich hörte er auf zu weinen. "Jetzt wird alles gut" sagte ich zu ihm und ich wußte, daß es stimmte. Wir blieben fortan zusammen und stillten 4 Stunden non-stop!

Und es macht einen Unterschied, wie wir geboren werden! Für das Kind UND die Mutter. Zusammen mit Dorothea diese Geburt zu erleben hat etwas tief in mir verändert – ich habe tiefes Vertrauen in mich und mein Kind. Danke für Deine Bestärkung, Dorothea!

Victoria Renzing

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